Köpfe & Karriere
18.10.2026
9 Min. Lesezeit

Marketingleitung: Dein Plan für die ersten 100 Tage

Zuhören, verstehen, entscheiden: So nutzt du die ersten 100 Tage in der neuen Leitungsrolle.

Fachleute am Konferenztisch besprechen mit der neuen Marketingleitung den 100-Tage-Plan

Wenn du die Marketingleitung übernimmst, schauen alle gleichzeitig auf dich: die Geschäftsführung, der Vertrieb, das eigene Team. Jede Seite erwartet schnelle Ergebnisse – und jede versteht darunter etwas anderes. Wer in dieser Lage sofort umbaut, riskiert Widerstand und teure Fehlentscheidungen.

Die ersten 100 Tage in der neuen Rolle entscheiden, wie viel Vertrauen du gewinnst. Dieser Leitfaden zeigt dir, wie du die Zeit in drei Phasen gliederst, welche Gespräche und Zahlen zählen und wie du am Ende einen Plan vorlegst, der trägt.

Die ersten 100 Tage als Marketingleitung im Überblick

Die bewährte Struktur folgt drei Phasen. Sie ist kein starres Schema, sondern eine Orientierung, die du an Unternehmensgröße und Ausgangslage anpasst.

  1. Vor dem Start: Erwartungen mit der Geschäftsführung klären und Unterlagen anfordern.
  2. Tag 1 bis 30 – Zuhören: Einzelgespräche mit dem Team, den wichtigsten Schnittstellen und einigen Kunden führen.
  3. Tag 31 bis 60 – Verstehen: Budget, Kennzahlen, Kampagnen, Agenturen und Werkzeuge analysieren.
  4. Tag 61 bis 100 – Entscheiden: drei Prioritäten festlegen, einen sichtbaren Erfolg umsetzen und einen Plan vorstellen.
PhaseLeitfrageErgebnis
Vor dem StartWas erwartet die Geschäftsführung wirklich?Gemeinsames Verständnis von Auftrag und Spielraum
Tag 1–30Wie sehen andere das Marketing?Gesprächsnotizen, erste Hypothesen
Tag 31–60Wo fließt Geld hin, und was bringt es?Faktenbasis zu Budget, Kanälen, Tools
Tag 61–100Was hat jetzt Vorrang?Prioritäten, Quick Win, 12-Monats-Plan

Vor dem ersten Tag: Erwartungen klären

Viele Konflikte in einer neuen Marketingleitung entstehen, weil Auftrag und Erwartungen nie ausgesprochen wurden. Nutze die Zeit zwischen Vertragsunterschrift und Start, um genau das nachzuholen.

Das Gespräch mit der Geschäftsführung

Frag konkret nach: Woran wird der Erfolg der Marketingleitung in einem Jahr gemessen? Welche Themen sind politisch heikel? Wie viel Veränderung ist gewünscht, und wo liegen Grenzen? Notiere die Antworten und gleiche sie nach 60 Tagen mit deinen eigenen Erkenntnissen ab.

Frag auch, wie die Geschäftsführung über Fortschritte informiert werden möchte: per kurzem Bericht, im Jour fixe oder in Quartalsgesprächen.

Die eigene Rolle definieren

Die Aufgaben einer Marketingleitung unterscheiden sich stark je nach Unternehmen. Im Mittelstand führst du oft ein kleines Team und arbeitest selbst operativ mit. In größeren Organisationen steuerst du vor allem Budgets, Agenturen und Teamleitungen. Kläre früh, wie viel eigene Facharbeit von dir erwartet wird und welche Entscheidungen du allein treffen darfst.

Unterlagen anfordern

Bitte vorab um die wichtigsten Dokumente. So startest du mit Kontext statt mit leeren Händen.

  • aktuelle Marketing- und Vertriebsplanung
  • Budget des laufenden Jahres und Ist-Zahlen
  • Organigramm und Rollenbeschreibungen im Team
  • Verträge mit Agenturen und Softwareanbietern
  • Markenrichtlinien und letzte Kampagnenauswertungen

Tag 1 bis 30: Zuhören und Beziehungen aufbauen

In den ersten Wochen ist Zuhören deine wichtigste Aufgabe. Du sammelst Perspektiven, baust Vertrauen auf und erkennst Muster, die in keinem Dokument stehen. Als neue Marketingleitung wirst du nie wieder so offen angesprochen wie jetzt.

Einzelgespräche mit dem Team

Plane mit jeder Person im Team ein Gespräch von 45 bis 60 Minuten ein. Stelle allen dieselben Fragen, damit du die Antworten vergleichen kannst.

  • Was läuft im Marketing gut, und was sollten wir auf keinen Fall ändern?
  • Was kostet dich die meiste Zeit, ohne viel zu bringen?
  • Welche Fähigkeiten hast du, die bisher zu wenig genutzt werden?
  • Was würdest du an meiner Stelle als Erstes angehen?
  • Wie möchtest du von mir Feedback bekommen?

Arbeitet dein Team teilweise verteilt, führe diese Gespräche trotzdem persönlich oder per Video mit Kamera. Das betrifft viele: Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten 2025 in Unternehmen ab 250 Beschäftigten 35 Prozent der Erwerbstätigen zumindest gelegentlich im Homeoffice. Wie du verteilte Teams langfristig gut führst, beschreibt unser Beitrag zu Remote Leadership.

Gespräche mit Vertrieb, Produkt und Finanzen

Die Marketingleitung lebt von Schnittstellen. Sprich früh mit der Vertriebsleitung, dem Produktmanagement, dem Controlling und, wo vorhanden, mit IT und Datenschutz. Frag jeweils, was sie vom Marketing brauchen und was sie bisher vermissen.

Achte besonders auf das Verhältnis zum Vertrieb. Wenn beide Seiten unterschiedliche Definitionen für einen qualifizierten Lead haben, entstehen Konflikte, die keine Kampagne löst. Eine gemeinsame Definition ist oft einer der wirksamsten ersten Schritte.

Kundinnen und Kunden zuhören

Führe mindestens fünf Gespräche mit Kundinnen und Kunden oder begleite den Vertrieb zu Terminen. Frag, warum sie gekauft haben, welche Alternativen sie geprüft haben und wie sie das Unternehmen beschreiben würden. Diese Antworten sind oft aufschlussreicher als jede Marktstudie.

Wenn möglich, sprich auch mit Kundinnen und Kunden, die abgesprungen sind. Sie nennen oft die ehrlichsten Gründe.

Eine Gesprächslandkarte anlegen

Halte nach jedem Gespräch drei Dinge fest: die wichtigste Aussage, einen Wunsch und eine offene Frage. Nach vier Wochen erkennst du, welche Themen immer wieder auftauchen. Diese Muster sind die Grundlage für deine späteren Prioritäten als Marketingleitung – und du kannst jederzeit zeigen, worauf deine Entscheidungen beruhen.

Neue Marketingleitung spricht am Konferenztisch mit dem Team
Foto: Christina @ wocintechchat.com M / Unsplash

Tag 31 bis 60: Zahlen, Budget und Werkzeuge verstehen

In der zweiten Phase prüfst du deine Hypothesen an Fakten. Wo fließt Geld hin, was bringt es, und welche Annahmen stehen auf wackligen Beinen? Als Marketingleitung brauchst du hier vor allem Klarheit, nicht Vollständigkeit.

Das Budget durchleuchten

Ordne jede größere Budgetposition einem Ziel zu: Markenaufbau, Leadgenerierung, Kundenbindung oder Pflichtaufgaben. Positionen ohne klares Ziel sind Kandidaten für eine Umschichtung. Viele Teams arbeiten dabei mit knappen Mitteln. Im CMO Spend Survey 2025 von Gartner lagen die Marketingbudgets der befragten, überwiegend großen Unternehmen bei 7,7 Prozent des Umsatzes, und 59 Prozent der Marketingverantwortlichen gaben an, für ihre Strategie nicht genug Budget zu haben.

Wenn deine 100 Tage in den Herbst fallen, landest du direkt in der Jahresplanung. Leitfragen für die Verteilung findest du in unserem Beitrag zum Marketingbudget planen.

Hände tippen auf einem Laptop mit Tabelle, während die Marketingleitung das Budget prüft
Foto: Bluestonex / Unsplash

Kennzahlen prüfen

Prüfe, welche Kennzahlen das Team berichtet und welche die Geschäftsführung tatsächlich interessieren. Oft klafft hier eine Lücke: Reichweite und Klicks auf der einen, Umsatz und Pipeline auf der anderen Seite. Lege fest, welche drei bis fünf Zahlen die Marketingleitung künftig verantwortet.

Kläre auch, aus welchen Systemen die Zahlen stammen und wer sie pflegt. Unterschiedliche Quellen für dieselbe Kennzahl sind ein häufiger Grund für Streit in Meetings.

Werkzeuge und Datenflüsse

Erstelle eine einfache Liste aller Tools mit Kosten, Nutzung und Verantwortlichen. Viele Teams zahlen für Software, die kaum jemand nutzt, während wichtige Daten in Tabellen von Hand gepflegt werden. Wie du mit weniger Tools bessere Daten bekommst, zeigt unser Beitrag zum Martech-Stack.

Agenturen und Dienstleister

Verschaffe dir einen Überblick über Verträge, Laufzeiten und Leistungen. Sprich mit jeder Agentur, bevor du urteilst. Häufig liegen Probleme nicht an der Agentur, sondern an unklaren Briefings oder wechselnden Ansprechpartnern auf Unternehmensseite.

Prüfe auch Kündigungsfristen. Wer sie kennt, kann später in Ruhe entscheiden, statt unter Zeitdruck zu verlängern oder abrupt zu wechseln.

Kompetenzen im Team einschätzen

Gleiche ab, welche Fähigkeiten im Team vorhanden sind und welche deine Prioritäten voraussichtlich verlangen. Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum erwartet, dass sich bis 2030 rund 39 Prozent der Kernkompetenzen von Beschäftigten verändern. Für dich als Marketingleitung heißt das: Weiterbildung gehört in den Plan, nicht in die Restzeit.

Tag 61 bis 100: Prioritäten setzen und Plan vorstellen

Jetzt wechselst du vom Verstehen ins Entscheiden. Das Team und die Geschäftsführung erwarten eine Richtung. Eine Marketingleitung, die nach drei Monaten noch keine Prioritäten nennt, verliert an Rückhalt.

Drei Prioritäten, nicht zehn

Leite aus deinen Gesprächen und Analysen höchstens drei Prioritäten für die nächsten zwölf Monate ab. Jede Priorität braucht ein Ziel, eine Kennzahl und eine verantwortliche Person. Alles andere kommt auf eine Liste für später.

Formuliere jede Priorität so, dass auch Menschen außerhalb des Marketings sie verstehen. „Mehr qualifizierte Anfragen aus dem Mittelstand“ ist klarer als „Lead-Funnel optimieren“.

Einen sichtbaren Erfolg umsetzen

Suche ein Problem, das viele stört und sich in wenigen Wochen lösen lässt. Das kann ein überarbeitetes Kontaktformular sein, eine gemeinsame Lead-Definition mit dem Vertrieb oder ein verständliches Monatsreporting. Ein solcher Erfolg zeigt, dass Zuhören zu Handeln führt.

Wähle bewusst etwas, das andere Abteilungen spüren. Ein Erfolg, den nur das Marketing bemerkt, stärkt deine Position kaum.

Rollen und Regeln im Team klären

Kläre, wer wofür verantwortlich ist und wie Entscheidungen fallen. Dazu gehören auch Regeln für den Einsatz von KI-Werkzeugen: Welche Tools sind freigegeben, welche Daten dürfen hinein, wer prüft Ergebnisse? Was Marketingabteilungen dabei dokumentieren sollten, beschreibt unser Beitrag zum AI Act im Marketing.

Den Plan vorstellen

Stelle deinen Plan zuerst der Geschäftsführung und dann dem Team vor. Zeige, was du gehört hast, welche Schlüsse du ziehst und was du ausdrücklich nicht ändern wirst. Gerade der letzte Punkt schafft Ruhe im Team.

Halte die Präsentation knapp. Zeige zuerst die Ausgangslage aus Sicht der Kundschaft, dann deine Prioritäten und zuletzt, was du dafür brauchst – Budget, Personal oder Entscheidungen.

Kommunikation nach innen und außen

Die Marketingleitung ist auch für die Sichtbarkeit der eigenen Abteilung zuständig. Berichte regelmäßig und knapp, was erreicht wurde und was als Nächstes kommt – etwa in einem monatlichen Update an Geschäftsführung und Vertrieb. So wird Marketing im Unternehmen als Beitrag zum Geschäft wahrgenommen, nicht als Kostenstelle.

Zwei Personen skizzieren am Whiteboard die Prioritäten der Marketingleitung
Foto: Kaleidico / Unsplash

Fehler, die neue Marketingleitungen häufig machen

Manche Fehler wiederholen sich in fast jedem Führungswechsel. Wenn du sie kennst, kannst du sie vermeiden.

  • Zu früh umbauen: Agentur, Markenauftritt oder Tools werden ausgetauscht, bevor die Ausgangslage verstanden ist. Solche Entscheidungen sind teuer und schwer umkehrbar.
  • Den Vorgänger kritisieren: Abwertende Bemerkungen über frühere Entscheidungen verunsichern das Team, das sie mitgetragen hat.
  • Nur nach oben schauen: Wer ausschließlich die Geschäftsführung im Blick hat, verliert das Team.
  • Alles selbst machen: Eine Marketingleitung, die jede Aufgabe an sich zieht, wird zum Engpass.
  • Zu viele Baustellen öffnen: Wer zehn Initiativen gleichzeitig startet, schließt keine davon sauber ab.
  • Erfolge nicht kommunizieren: Fortschritte, die niemand sieht, zählen intern kaum.

Gerade erfahrene Führungskräfte übertragen gern Rezepte aus dem letzten Unternehmen. Was dort funktioniert hat, passt nicht automatisch zu Markt, Team und Kultur im neuen Umfeld.

Der häufigste Fehler ist jedoch Ungeduld. Druck von außen verleitet dazu, Aktivität mit Wirkung zu verwechseln. Ein klarer Fahrplan hilft dir, gelassen zu bleiben und dennoch sichtbar voranzukommen.

Deine nächsten Schritte als neue Marketingleitung

Nutze diese Checkliste, um die ersten 100 Tage zu strukturieren. Trage feste Termine in deinen Kalender ein, damit der Alltag die Planung nicht verdrängt.

  • Vor dem Start: Erwartungsgespräch mit der Geschäftsführung führen und Unterlagen anfordern.
  • Woche 1 bis 4: alle Einzelgespräche im Team und mit den wichtigsten Schnittstellen abschließen.
  • Woche 5 bis 8: Budget, Kennzahlen, Tools und Agenturverträge analysieren und Hypothesen prüfen.
  • Woche 9 bis 12: drei Prioritäten festlegen, einen sichtbaren Erfolg umsetzen und Rollen klären.
  • Um Tag 100: Plan vorstellen und einen Termin für die erste Zwischenbilanz nach sechs Monaten vereinbaren.

Halte außerdem in einem kurzen Dokument fest, was du in jeder Phase gelernt hast. Nach einem Jahr zeigt es dir, wie sich deine Sicht verändert hat – und deinem Team, dass deine Entscheidungen auf Zuhören beruhen.

Suche dir zusätzlich einen Sparringspartner außerhalb der eigenen Hierarchie, etwa eine erfahrene Marketingleitung aus einem anderen Unternehmen. Ein solcher Austausch hilft dir, Entscheidungen zu prüfen, bevor du sie im Team vertrittst.

Häufige Fragen zu Marketingleitung

Was sollte eine neue Marketingleitung in den ersten 30 Tagen tun?

In den ersten 30 Tagen steht Zuhören im Vordergrund. Führe Einzelgespräche mit allen Teammitgliedern, sprich mit Vertrieb, Produkt und Controlling und höre mindestens fünf Kundinnen oder Kunden zu. Größere Veränderungen solltest du in dieser Phase vermeiden und stattdessen Hypothesen sammeln, die du später prüfst.

Wann sollte die Marketingleitung erste Veränderungen umsetzen?

Kleine, sichtbare Verbesserungen sind schon nach einigen Wochen sinnvoll, wenn sie ein Problem lösen, das viele stört. Grundlegende Entscheidungen wie ein Agenturwechsel, ein neuer Markenauftritt oder ein Toolwechsel sollten erst fallen, wenn du Budget, Kennzahlen und Abläufe verstanden hast – meist gegen Ende der ersten 100 Tage.

Welche Kennzahlen sind für die Marketingleitung wichtig?

Wichtig sind Kennzahlen, die an Geschäftsziele anknüpfen: etwa Beitrag zur Vertriebspipeline, Kosten pro qualifiziertem Lead, Kundenbindung oder Markenbekanntheit in der Zielgruppe. Lege dich auf drei bis fünf Zahlen fest und kläre mit der Geschäftsführung, wie sie gemessen und berichtet werden. Reine Aktivitätskennzahlen reichen nicht aus.

Wie gewinnt eine neue Führungskraft im Marketing das Vertrauen des Teams?

Vertrauen entsteht, wenn du zuhörst, Ergebnisse von Gesprächen sichtbar aufgreifst und Zusagen einhältst. Sag offen, was du nicht ändern wirst, und vermeide abwertende Kommentare über frühere Entscheidungen. Ein früher gemeinsamer Erfolg zeigt dem Team, dass deine Führung ihm die Arbeit erleichtert.

Was gehört in den 100-Tage-Plan einer Marketingleitung?

Der Plan enthält eine kurze Bestandsaufnahme, drei Prioritäten mit Zielen und Kennzahlen, Verantwortlichkeiten im Team, Aussagen zu Budget und Werkzeugen sowie eine Liste dessen, was bewusst unverändert bleibt. Ergänze einen Zeitplan für die nächsten zwölf Monate und feste Termine für Zwischenbilanzen mit der Geschäftsführung.

Weitere Artikel

Neu bei Marketing Heute

Nach oben scrollen